Die Paulus-Schule



Original oder Fälschung?

Original oder Fälschung In der theologischen Forschung wird diskutiert, ob alle dreizehn Briefe, die im Neuen Testament von Paulus überliefert sind, ihn auch tatsächlich zum Autor haben. Die Kriterien, die zur Unterscheidung zwischen "echten" und "falschen" Paulusbriefen angewandt werden, beziehen sich darauf,

  • ob die geschichtliche Situation, von der sie berichten, im Leben des Paulus unterzubringen ist, z.B. eine spezifische Organisation der Gemeinde, die Entwicklung von "Ämtern" etc.
  • ob Sprache und Stil mit den älteren Paulusbriefen (Römer- und Galaterbrief) identisch sind oder ob sie deutlich davon abweichen.
  • ob andere Inhalte mitgeteilt werden, die mit den älteren Briefen nur schwer oder gar nicht in Einklang zu bringen sind (etwa, was den Zeitpunkt der Wiederkunft Jesu betrifft u.a.).
Die Schwierigkeit liegt dabei zum einen darin, abzuschätzen, welche Art von Gemeinden Paulus noch erlebt haben könnte, zum anderen, Vermutungen darüber anzustellen, welche "theologische Bandbreite" die Biographie eines Menschen zulässt. Der Brief an die Römer und der an die Galater sind dabei mit bemerkenswerter Klarheit geschrieben: Sie orientieren sich ganz daran, dass der Mensch vor Gott nur durch den Glauben an Jesus Christus gerecht werden kann. An dieser Aussage müssen sich die anderen Briefe messen lassen.

Viele Theologen gehen zur Zeit davon aus, dass die beiden Briefe an Timotheus, der Brief an Titus (die sog. "Hirten"- oder "Pastoralbriefe") und der Epheserbrief nicht von Paulus selbst stammen, sondern von seinen Schülern verfasst wurden. Umstritten sind der Brief an die Kolosser sowie der zweite Thessalonicherbrief. Da im Kolosserbrief Timotheus (und im zweiten Thessalonicher dazu noch Silvanus) im Briefkopf als Mitverfasser genannt wird, erwägen manche auch die Möglichkeit einer "Koproduktion" oder eines selbständigen Schreibens, das von Paulus nur gegengezeichnet wurde ("Sekretärshypothese").


Paulus und seine Schüler

Timotheus Was die Sache noch ein wenig komplizierter macht, ist die Tatsache, dass Paulus - und evt. seine Schüler - manchmal auch Texte zitieren, die sie nicht selbst geschrieben haben, z.B. Gebete, Lieder und Hymnen, die in den Gemeinden bekannt waren und im Gottesdienst verwendet wurden.

Daneben gibt es noch Texte, die sich nicht ganz in den Briefkontext einfügen, aber dem Inhalt und der Sprache nach durchaus von Paulus stammen können: Hierbei handelt es sich wahrscheinlich um Lehrstücke, die Paulus in seiner Schule ausgebildet hat; um den Stoff, den er im Unterricht behandelt hat und den seine Schüler - wie damals in den Schulen üblich - auswendig lernten. Ein Beispiel dafür ist das bekannte Hohelied der Liebe.


Der Kanon des Neuen Testaments

Altes und Neues TestamentUnabhängig von der Frage, wer letztlich hinter den jüngeren Briefen steht, gehören sie alle mittlerweile zum festen Inhalt, zum Kanon der christlichen Bibel. Neben den Schriften des Alten Testaments und den vier Evangelien sind auch Schriften darin aufgenommen werden, die oft als Briefe an einzelne Gemeinden gerichtet waren. Diese Briefe und Texte wurden im Gottesdienst verlesen und an andere Gemeinden weitergereicht; manche der Briefe (z.B. der Brief an die Epheser) wurden auch schon als Rundschreiben konzipiert.

Mit der Zeit bildete sich ein fester Kern dieser Texte heraus, der dann verbindlich wurde. Die Kriterien für die Aufnahme waren neben der Frage nach dem "apostolischen" Autor vor allem inhaltlicher Art: Die Texte sind für die Gemeinde verbindlich geworden, die "in einem Geist" von Jesus Christus reden und ihn als den gekreuzigten, gestorbenen und auferstandenen Sohn Gottes bezeugen, auf dessen Wiederkommen die ganze christliche Gemeinde wartet.


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